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Verrätselt – Ursula Kelms “Adressbuchprojekt”

Vergänglichkeit der Zeit – Ausstellung von Ursula Kelm

bei imago Fotokunst Berlin vom 7. Oktober bis zum 12. November 2011

Ursula Kelms Arbeit verfolge ich seit Jahren von Ferne, war sie mir doch vor langer Zeit kompetente Lehrererin in fotografischer Intensität. Ihre Thematik hat sich seither, soweit ich sehe, nicht geändert: es geht ihr um sich selbst, weniger als  Selbstinszenierung denn als Selbstreflexion, Beschäftigung mit sich selbst, in diesem Fall: mit ihren Beziehungen zu anderen Menschen in ihrem Leben, zusammengehalten in einem Adressbuch. Ihr “Adressbuchprojekt” dient der Erinnerung an ihre/unsere im Laufe eines Lebens gewachsenen Beziehungen, und dieses Adressbuch bekommen wir gleich zweimal gezeigt: einmal als Original-Adressbüchlein, ein winziges Heftchen mit kaum ausreichend Raum für alle Kontakte, die sich ergeben, und einmal als Bild: offenbar ein umfangreicheres, im Format größeres Adressbuch, vier- oder fünfmal mit Tesafilm geflickt und zusammengehalten, vollgeschrieben mit Adressen, Namen, Notizen: beinahe ein Palimpsest, so intensiv wird es offenbar genutzt.

Das Adressbuch gibt den Rahmen der Ausstellung vor: den 26 Buchstaben des Alphabets entsprechen 26 fotografische Arbeiten, der zugehörige Katalog hat eine Auflage von 26 Stück.

Fast alle Arbeiten sind in Farbe, vieles erweist sich als  montiert, die Präsentation ist auf der Höhe der Zeit, wenn man so will, und keineswegs zeitlos oder retrospektiv, was auch möglich gewesen wäre: ein Rückblick auf ihre großen fotografischen Stationen. Aber nein, es sind offenbar neue Arbeiten oder neue Bearbeitungen älterer Aufnahmen. Ihr Verfahren erschien mir zunächst naiv, dann überzeugend: in metaphorischen Bildern tauchen immer wieder Gesichter von alten Fotos auf, wie ein Aufblitzen aus der Dunkelheit. Proust beschreibt das auslösende Moment für Erinnerungen einmal als den Geschmack eines Madeleine, eingetunkt in eine Tasse Tee – bei Ursula Kelm scheint die Erinnerung im Betrachten von Bildern zurückzukehren. Alle Kompositionen sind nachgerade poetisch, chiffriert, verweisen auf nicht nachvollziehbare Gedanken/Erlebnisse, geben dabei sehr intensive Stimmungen wieder. - In aller Poesie und Verrätselung bleiben zwei Bilder jedoch völlig klar: sie zeigen jeweils dieselbe Person, eine Frau einmal mittleren Alters, sie trägt ein rotes T-Shirt mit dem Aufdruck “Berlin”, einmal ist sie in höherem Alter in Schwarzweiß zu sehen, jeweils mit einem sehr direkten Blick in die Kamera – die Vermutung liegt für mich nahe, dass es sich um die  Mutter handelt, die so klar heraussticht. Es stellt sich die Frage: Wer ist wirklich wichtig, das Adressbuch, die Leute die da drin  stehen oder die gerade nicht enthalten sind wie etwa ihre Mutter, aber auch die vielen, die sie (noch) nicht getroffen hat.

Ursula Kelm blättert einen beeindruckenden Erfahrungsschatz auf.  Wir wissen, dass allein die Zeit unvergänglich ist, alles andere vergeht. Insofern kann der Titel der Ausstellung nur meinen “Vergänglichkeit unserer Zeit” oder “Vergänglichkeit meiner Zeit”, und in diesem Sinn ist die Ausstellung ein erstes Resumee, dem möglichst noch viele im Leben und Werk der Ursula Kelm folgen mögen.