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Steffen Siegel: Paradigma Fotografie

Kürzlich habe ich mir im Rahmen der Vortragsreihe “Turn on. Turn off. Über den Wandel von Paradigmen in den Künsten und Wissenschaften” an der FU Berlin diesen luziden, anregenden und unterhaltsamen Vortrag von Steffen Siegel angehört, wie er sich mit der Frage auseinandersetzt, was jenseits jeder inhaltlichen oder diskurstheoretischen oder geschichtlichen Bestimmung von Fotografie diese denn nun ‘wirklich’ sei.

Abgesehen von begriffsgeschichtlichen Prolegomena zum Ausdruck “Paradigma” 50 Jahre nach T. S. Kuhn unternahm er u.a. eine intensive Lektüre von Roland Barthes’ “Die helle Kammer”, wies die ontologische Rückbindung des Bildes durch Barthes im “so-ist-es-gewesen” an eine Realität zurück und machte deutlich, dass das Bild nur durch eine so gestimmte Wahrnehmung als Fotografie ‘glaubhaft’ wird.

Insgesamt kehrte Barthes’ These in seinem Vortrag jedoch wie ein Wiedergänger verändert zurück: das Paradigma der Fotografie definiert Siegel so, dass eine Fotografie dann vor uns liege, wenn

1. in ihr die Wirkung von Licht auf einer lichtempfindlichen Schicht aufgezeichnet ist und

2.  diese Aufzeichnung “wahrheitsfähig” ist, ein nichtarbiträrer Bezug zu einer “Realität” besteht.

Ja Siegel sprach hier sogar von “Wahrheit” (in) der Fotografie, wie wenn er der Sehnsucht Ausdruck geben wollte, sie möge denn doch irgendwie die Wahrheit beherbergen oder ent-bergen können. Diese Position wurde in der anschließenden Diskussion jedoch zurückgenommen dahin, dass es in der Wahrnehmung der Fotografie allenfalls zu einer Zuschreibung von Wahrheit kommt.

Ob ein solcher Bezug zu einer “Realität” da draußen hergestellt werden kann – daran habe ich meine Zweifel. Die von Siegel angebotene Methode, wie er sie bei dem Blogger Carl Leo exemplarisch vorfindet, besteht einfach im intensiven Betrachten des Bildes als solchem, leider auch noch verbogen durch eine anthropozentrische Sichtweise, die vorrangig auf der Suche nach dem Auftreten von menschlichen Lebewesen ist, wie wenn nicht das ganze Bild Daguerres vom Boulevard du Temple etwas Menschengemachtes zeigte.

In einem phänomenlogischen Sinn würde man das Bild wohl losgelöst von seiner Existenz und seinen Existenzbedingungen untersuchen. Wie weit kann sich dann eine “Wahrheit” erstrecken, die sich in einer phänomenologischen Einklammerung befindet? Und wäre die Grenze der Auflösung nicht immer schon mitzudenken als irreduzibel Unentscheidbares?

Aber auch das genügte nicht – es müßten die Bedingungen und Möglichkeiten der Wahrnehmung selbst noch genauer untersucht werden, denn was der eine sieht, sieht der andere noch lange nicht, und es besteht auch nicht grundsätzlich die Möglichkeit, dass der eine auch immer irgendwie sehen kann, was dem anderen ins Auge springt. Wo in all dem eine “Wahrheit” verborgen sein soll, die Steffen vor Augen bringen will, “sehe” ich nicht. Vielleicht ist sein Zugang etwas ‘empiristisch’.

Weiterführende von Siegel erwähnte Literatur:

Herta Wolf (Hg.), Paradigma Fotografie: Fotokritik am Ende des fotografischen Zeitalters. Band 1: Fotokritik am Ende des fotografischen Zeitalters, 1 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) Herta Wolf (Hg.), Diskurse der Fotografie: Fotokritik am Ende des fotografischen Zeitalters. Band 2: Fotokritik am Ende des fotografischen Zeitalters, 2 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)

Doris Bachmann-Medick, Cultural Turns: Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften [Taschenbuch]

James Elkins , What Photography Is [Paperback]

Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) [Taschenbuch]

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