Pieces of Berlin – Florian Reischauer
Mit dieser Ausstellung im Östereichischen Kulturforum in Berlin setzt Florian Reischauer
seine Suche nach Authentizität und Originalität – im Sinne der Herstellung eines “Originals” wie etwa in der Malerei – fort. Vom Unikat des Polaroid-Bilds kommend, geht er jedoch hier seit 2010 den Weg, mit Hilfe einer alten nicht lichtdichten Klappkamera und abgelaufenen fehlerhaften Farbfilmen einzigartige, mit der heute üblichen Digitalfotografie nicht vergleichbare Bildwerke zu schaffen. Themen sind verlorene Orte in (und um) Berlin, aber eben auch die Menschen, die er auf der Straße trifft und im Stil der Schnappschussfotografie ablichtet. Dazu erhalten wir einige kleine Notizen über deren Namen, ihr Alter und die likes der Abgebildeten. Offenbar hat der Fotograf vor allem nach den Vorlieben in Bezug auf Berlin gefragt, denn es gibt kaum kritische Stimmen – meist finden die Abgebildeten das Leben in Berlin klasse.
Diese Art der Fragestellung aber, verbunden mit der romantisierenden Retro-Art der Abbildung, mit der Reischauer so weit geht, seine eigentlich Junk-Fotografien mit den Werken von Vermeer zu vergleichen, ist für mich durchaus fragwürdig: das sieht alles nach großem Spaß aus mit der Lomo oder Holga oder einer Flohmarktkamera, und die Prints machen wir dann auch noch möglichst schlecht und farbstichig, und schon haben wir große Kunst produziert. Die Herangehensweise an die Porträtierten erscheint mir allzu oberflächlich und geschieht offenbar nur en passant, flüchtig und unverbindlich. Hinzu kommt das angestrengte Bemühen, die Fotografien einfach durch das Verwenden schlechten Materiala in “Originale” zu verwandeln, um etwas Besonderes darzustellen. Sind denn diese Menschen es nicht wert, bestmöglich dargestellt zu werden statt mit den letzten Müllfilmen und einer kaputten Kamera? Reischauer bricht keine Lanze für die analoge Fotografie, sondern für eine fotografia povera sozusagen, eine möglichst ärmliche und mit bescheidenen Mitteln “experimentierende” Fotografie.
Michael Schmidts “Lebensmittel”
“Michael Schmidt, 1945 in Berlin geboren, zählt zu den wichtigsten Fotografen der Gegenwart.” So lautet der erste Satz des Ausstellungsflyers. Michael Schmidt genießt immer noch und seit einigen Jahrzehnten, seit seiner “Werkstatt für Fotografie” in Berlin-Kreuzberg, den Status eines sakrosankten Foto-Künstlers, was ich noch nie richtig verstanden habe und teilen konnte und auch nach dem Besuch dieser Ausstellung nicht. Vielleicht liegt das daran, dass es mir seinerzeit nicht gelungen ist, von ihm persönlich unterrichtet zu werden. Allerdings bin ich skeptisch, ob eine persönliche Vermittlung geholfen hätte: im Interview mit radioeins – leider nicht mehr online – zur Ausstellungseröffnung im Martin-Gropius-Bau in Berlin, einer, wie ich bisher dachte, angesehenen Adresse für Kunst, gab er ganz und gar den verstockten Künstler, der sein “Werk” für sich sprechen lassen will. Wozu dann überhaupt ein Interview? Zu dieser Verweigerungshaltung passt auch, dass die Bilder keine Titel haben. Eine solche Einstellung scheint mir in Zeiten weitestgehender Referentialität von Kunst die eines Fossils aus vergangenen Zeiten zu sein, für das es nur die ewige Wiederholung des einmal für richtig Befundenen gibt, keine Entwicklung oder Revision alter Positionen, wie wenn sich in den letzten Jahrzehnten nichts verändert hätte, was eine Neujustierung erforderlich machen könnte.
So auch in den Bildern – und die Frage stellt sich mir dringend: kann man so heute noch fotografieren? Müssen wir auf dem fade-grauen Bild eines Apfels einen riesigen Filmfusel sehen? Müssen diese Bilder so matt-grau oder gedämpft farbig sein? Diese Lebensmittel lassen mich verhungern.
Und die Motivauswahl: Kartonagen mehrfach, dreimal derselbe Karton mit Gurken, mehrfach Feldarbeiter von hinten, also anonymisiert, dreimal als “Tryptichon” eine Kiste Strauchtomaten, ein Schwein aus drei Perspektiven, Kälber, ein Kuheuter mit Melkmaschine, abgeernetete Felder voller Unrat, verrottender Salat, ekligste Fliegen drei- bis viermal, eine graue Fläche (whatever da zu sehen sein soll), Fische mit abgetrennten Köpfen, pappige Brötchen, eine Fischfarm, eine Fabrik von aussen, abgepackte Wurst in verschiedenen Variationen, Obst in Farbe, abgepacktes Fleisch, abgepackte Kartoffeln – das soll alles sein, was ihm, uns an Lebensmitteln zur Verfügung steht? Diese triste Auswahl soll die gesamte Welt der uns möglichen Gaumenfreuden repräsentieren?
Selbstverständlich war es Schmidt als kritischem Fotografen verwehrt, sich in irgendeiner Form der gängigen Food-Fotografie zu nähern oder gar in sie zu verfallen. Aber offensichtlich hat gerade dieses für ihn bedrohliche Gegenbild von appetitlich dargestellten Lebensmitteln ihn verkrampfen lassen, nur noch die allerschlimmsten und schrecklichsten, ekligen und unangenehmen Bilder zu zeigen, in einer extrem trostlosen trist grauen oder dunkel-farbigen schmucklosen Fotografie: industrielle Lebensmittelproduktion ist offensichtlich ein Elend, kann man nur den Eindruck gewinnen, wenn man diese Ausstellung sieht. Dass wir nicht alle schwer krank sind angesichts einer solchen Ernährung, muss da fast verwundern.
Aber eher das Gegenteil ist der Fall – es wird massenhaft und genügend für die Weltbevölkerung produziert (mit Ausnahmen, aber der Hunger dort scheint nicht an einem absoluten Mangel an Lebensmitteln zu liegen, sondern an einem ausbeuterischen Verteilungssystem), vermutlich besser und nahrhafter als in den Jahrtausenden, seit es Landwirtschaft und Viehzucht überhaupt gibt. Unbestreitbar existieren Sauereien wie tierquälerische Massentierhaltung, Pestizide, minderwertige Lebensmittel (Burger, Schmelzkäse: weitere Motive Schmidts), aber selbst unter diesen Umständen ernähren die industriell gefertigten Lebensmittel noch hinreichend.
Schmidt zeichnet also ein völlig misanthropisches Bild der Ernährung, von einem halbwegs “neutralen” Blick kann nicht die Rede sein, wie es in der Ausstellungsankündigung des Kurators heisst, auch wenn Schmidt auf Schockfotos verzichtet hat (durfte er die denn überhaupt machen?). Die Verhältnisse sind wesentlich komplexer, und auch wenn es angebracht ist, die Lebensmittelindustrie zu kritisieren, wo wir sie bei Ungesundem oder Unappetitlichen oder ethisch Verwerflichem erwischen, sind wir doch alle völlig auf sie angewiesen und können nur auf ihre Verbesserung hinarbeiten. Dafür ist Schmidts trostloses Gesamtbild zu undifferenziert.
Ellen von Unwerth goes Porn
Softporn, um genau zu sein, nach dem was dem Publikum in Berlin derzeit in der Dependance von Camera Work in der Auguststraße in Berlin präsentiert wird, sofern man mindestens achtzehn Jahre alt ist. Dumm nur, dass einige der Bilder in voller Größe durch die Glaswände der Galerie mühelos von außerhalb der Galerie zu bewundern sind.
Noch einmal von vorn: die CWC Gallery zeigt in Berlin die Ausstellung “The Story of Olga”, eine fotografische Inszenierung von Ellen von Unwerth mit der Russin Olga Rodionowa. Die Geschichte dahinter: vermählt mit einem sehr wohlhabenden russischen Oligarchen, Sergej Rodionow, haben die Beiden wohl eine Leidenschaft für erotische Fotografie entwickelt und Olga bereits verschiedentlich von bekanntesten Fotografinnen und Fotografen (besonders drastisch: Bettina Rheims) erotisch ablichten lassen.
Nun (2011) war also Ellen von Unwerth dran mit einer wirklich fantastischen ausgefeilten und hocherotischen Fetisch-Inszenierung in und um ein attraktives Schloß in Frankreich. Es fehlen weder die Dienstmädchen noch der Holz- noch die Pferdeknechte, auch ein Werwolf taucht neben anderen Figuren auf. Der ganze Umfang der Geschichte ist nur aus dem 350 Seiten starken Buch “The Story of Olga” ersichtlich, das in verschiedene Kapitel untergliedert ist. Die Ausstellung zeigt nur eine kleine Zahl der entstandenen Bilder, diese jedoch meist in großem bis sehr großem Format, natürlich als Digitalprint. Die Qualität der Bildfindungen überzeugte mich meist, einige Motive sind aber dann doch allzu klischeehaft und flach, und ab und an kommt es zum Overacting der weiblichen Models, wenn sie auf einmal alle mit merkwürdig offenen Mündern in bizarren Posen zu erstarren scheinen (speziell als Pferdchen, die die achso gewichtige Sänfte der Herrin tragen müssen).
Das erotische Moment ist sehr ausgeprägt, inbesondere findet die Handlung hier häufig zwischen mehreren Personen statt (zwei bis 14), es werden üppigste Gelage und wilde Feuertänze zelebriert, und auch im Pferdestall tut sich manches.
Das Ganze ereignet sich offenbar in einer moralisch scheinbar völlig entgrenzten Welt, einem Ausnahmezustand, wie er ähnlich, aber natürlich wesentlich intensiver in Pasolinis Verfilmung der “120 Tage von Sodom” des Marquis de Sade dargestellt ist. Ein solcher Ausnahmezustand mit seinem un-bedingten Zugriff auf die Körperlichkeit der zur Verfügung stehenden Kreatur (Mann, Frau, ggf. auch Tier, hier Pferde) durch die Herrschenden des Verfahrens hat für mich durchaus etwas zumindest Prä-Faschistoides.
Die (Un-)Sitten der Superreichen dieser Welt wie der Auftraggeber dieser Inszenierung sind soziologisch so gut wie unerforscht – welche Regeln gelten dort? Ließe sich etwa mit Carl Schmitt sagen: “Die Ausnahme ist interessanter als der Normalfall. (…) In der Ausnahme durchbricht die Kraft des wirklichen Lebens die Kruste einer in der Wiederholung erstarrten Mechanik.” Haben wir dann in dieser Inszenierung das “wirkliche Leben” in oligarchischen Kreisen vor uns, den perpetuierten Ausnahmezustand qua unermesslichem Reichtum, zumindest die Möglichkeit dazu?
Auf facebook bin ich inzwischen gefragt worden, was ich mit meiner Rezension sagen wolle. Hier meine Antwort:
Was ich sagen will, steht da, mehr geht im Moment nicht, sonst hätte ich mehr geschrieben. Worauf ich mit Pasolini etc. hinaus will ist, dass auch ein so scheinbar rein ästhetisches Projekt massive ethische und politische Implikationen hat. Als Fotograf sollte ich mich fragen, will ich diesen Auftraggeber und das Machtzentrum, das er darstellt, wirklich mit meiner Arbeit unterstützen? Ist die implizite Welt- und Menschensicht für mich akzeptabel, oder überschreite ich ethische Grenzen? Auf diese Fragen hinzuweisen, sollte in der Rezension genügen. Antworten gebe ich nicht.
Karl Lagerfeld und das kleine schwarze Jäckchen

Karl Lagerfeld ist neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Modedesigner schon seit Jahrzehnten auch als Fotograf aktiv und verfügt natürlich über die entsprechenden Mittel und Kontakte, optimale, überzeugende Ergebnisse zu erzielen. Leider scheint das nicht zu helfen: über eine elegante Oberflächlichkeit, wie sie in der Modebranche weit verbreitet ist, kommt er nicht hinaus – will er vielleicht auch nicht.
Natürlich ist Karl Lagerfelds neueste Ausstellung mit Fotografien seiner Freunde und Bekannten, jeweils im schwarzen Chanel-Jäckchen, auch in Berlin zu sehen. Die Inszenierung ist beeindruckend: Man tritt ein in einen schwarzen Abgrund (U-Bahnhof Potsdamer Platz), wird durch elegante schwarz gekleidete Assistenten in die richtige Richtung gewiesen und kommt dann in den tunnelartigen natürlich ebenfalls dunklen Ausstellungsraum. Und dann sieht man sie: Unmengen langgestreckter Hochformatbilder in Schwarzweiss, alle Personen vor demselben Hintergrund im Studio in unterschiedlichen Posen und mit passenden Accessoires fotografiert. Aber was ist das? Uns werden keine glatten Prints gezeigt, keine klaren, differenzierten, abgestuften Schwarzweissdrucke, keine in sich ästhetischen Werke, sondern ziemlich grob gerasterte Ausdrucke, womöglich auf Laserprinter ausgegeben. Warum? Sollen die Bilder den Anschein von Zeitschriftendrucken erwecken? Jedenfalls zerstört Lagerfeld im Moment, in dem er uns seine Bilder zeigen will, diese durch ihre starke Aufrasterung, sie erhalten etwas Vorläufiges, stehen nur für den Augenblick wie Bilder in der Tageszeitung, sind morgen schon wieder vergessen.
Und so wird es wohl sein: das Projekt ist fertig, das nächste wartet – wie in der Modewelt die nächste Saison die bisherige vollständig auslöscht, löschen die Bilder seiner neuen Projekte die der alten aus. Es entsteht kein Werk, sondern nur Werbematerial für die Firma K. L. bzw. Chanel. Insofern macht es Sinn, dass die Ausstellung selbstverständlich kostenlos zu besuchen ist: eine optimale Werbeveranstaltung für das Imperium Karl. Selbstverständlich musste dann auch der Berliner Regierende Bürgermeister zur Eröffnung kommen – ärgerlich nur, dass König Karl erst drei Stunden nach der Eröffnung kurz auftauchte…
“Steinpfad”. Michele Caliari und Lutz Matschke im Photoplatz Hotel Bogota Berlin
Der “Photoplatz” Hotel Bogota ist seit einigen Jahren ein angenehmer Ort, nicht nur Ausstellungen anzuschauen, sondern sich über Fotografie auch auszutauschen. Wo sonst treffe ich Menschen, mit denen ich über die korrekte Fixierung von Fine Art Prints auf Barytpapier fachsimpeln kann (natürlich doppelte Fixage) oder über die Vor- und Nachteile von Gold- vs. Selentonung? (Wer so etwas lernen möchte, ist in meinen Fotokursen herzlich willkommen!)
Die aktuelle Ausstellung – von Anden und Alpen – zeigt zum einen Teil Fine Art Prints des argentinischen Fotografen und Fotodozenten Lutz Matschke, aufgenommen in den letzten drei Jahrzehnten: Bruchlinien, Absätze, Risse, Juxtapositionen in der Landschaft Patagoniens, durchweg Details, keine “großen Sichten”, dafür hervorragend ausgearbeitet und mit starkem Blick für die Einzelheiten.
Der Alpen-Teil von Michele Caliari bietet genau dies: die großartigen Sichten auf Gipfel und weite Landschaften. Aber auch er verweigert sich der allzu konventionellen Gebirgsfotografie durch Wahl eines speziellen Mediums: seine Fotografien sind als Schwarzweiß-Polaroids entstanden und zeigen deren eigene Charakteristik. Fast körperlich schmerzlich war für mich die vom Fotografen gewählte Präsentation: eine große Zahl der Prints hing ungerahmt, nur mit Paper-Clips befestigt, blank an der Wand. Diese Art der Hängung mag ich vielleicht noch hinnehmen in einer studentischen Ausstellung, aber wo es darum geht, ‘gültige’ Bilder zu präsentieren, empfinde ich sie als Ausdruck des Mißtrauens des Bildautors gegen die Bedeutung der eigenen Bilder.
Auffallend war erneut der retrograde Blick des “Photoplatzes” auf das Medium Fotografie: im Haus hatte einst Yva ihr Atelier, und just bei ihr arbeitete Helmut Newton einst in seiner Jugend. Diese Geschichte scheint für diese nostalgische Einstellung verantwortlich zu sein, und es scheint fast so, als gäbe es in diesen Räumen keine digitale Fotografie.
Ralph Gibson in Camera Work
Dank des speziellen Geschäftsmodells, wirklich teure Werke der Fotografiegeschichte zu verkaufen, kann sich Camera Work dankenswerterweise erlauben, keinen Eintritt für seine hervorragenden Ausstellungen zu verlangen. Großartig auch diesmal wieder: Ralph Gibson mit einem großen Überblick über sein so charakteristisches Schaffen – mit starken Schwarzweiß-Kontrasten, kräftigen Schwarztönen, exzellenten Bildschnitten und -ausschnitten. Eine hohe Schule des Sehens und der eigenen ganz persönlichen Vision.
Angesichts der heutigen digitalen Möglichkeiten frage ich mich: wie würde er heute arbeiten? Es gibt einige neuere Bilder, die sich sehr dem Stil der alten Werke annähern, aber es sollte (ihm) nicht genügen, sich selbst zu kopieren. Alternativ dazu erscheint mir nur ein ziemlich radikaler Bruch vorstellbar, denn die heute mögliche Tonwertdifferenzierung im digitalen Medium passt so gar nicht zur bewußt “abgesoffenen” Schwärzen und der grafischen Reduktion seiner klassischen Fotografien.
Eine kritische Anmerkung noch zur Archivierung seiner Bilder: wie allgemein üblich (war), wurden die Bilder mit der Oberkante an die Rückseite des Passepartouts geklebt und dann gerahmt. Leider hat dieses Klebeband bei einigen Bildern die unangenehme Eigenschaften, den Bildton Richtung Blau zu verschieben, sodass das Klebeband sich auf der Vorderseite störend abzeichnet. Wenn solche Bilder zu nicht sehr moderaten Preisen zum Verkauf angeboten werden, finde ich das durchaus bedenklich.
Outdoor Nudes von Rutger ten Broeke
Die schönen analogen Zeiten in der Fotografie scheinen im Prinzip vorbei zu sein – allerdings gibt es doch immer wieder beeindruckende Ausnahmen: die Galerie argus fotokunst von Norbert Bunge präsentierte im März und April 2012 hervorragende Arbeiten des 1944 geborenen niederländischen Fotografen Rutger ten Broeke: Aktfotografien in der Landschaft, aber konzipiert in höchst überraschender Weise. Er verzichtet offenbar bewußt auf das ‘gesunde Maß’, ein klassisch-harmonisches ausgewogenes Verhältnis von Akt und Landschaft – in seinen Aufnahmen steht meist deutlich die Landschaft, die Umgebung im Vordergrund, und in ihr verliert sich der nackte Mensch ein wenig oder mehr (extremes Beispiel: ein Gewässer, einzige möglicherweise menschliche Spur: eine kleine kreisförmige Welle, wie wenn dort jemand untergetaucht wäre). Er oder eher sie – ist dabei meist exquisit platziert an dynamischen Punkten in der Landschaft. All das aber funktioniert nur dank der ausgezeichneten Bildqualität der Aufnahmen. Mit Großformat fotografiert, sind selbst kleinste Strukturen und Elemente in den Bildern klar und deutlich erkennbar, und diese gerade nicht anthropozentrische Sichtweise der Welt gibt zutiefst Anlass, über die fragile Rolle des Menschen in der Welt nachzudenken.
Woman In Heat Benita Suchodrev
Durch einen glücklichen Zufall hatte ich Gelegenheit, einige Prints aus der Ausstellung der amerikanischen Fotografin Benita Suchodrev schon vorab zu sehen und kann diese Ausstellung nur empfehlen. Es sind ausgesprochen starke persönliche und erotische Porträts und Inszenierungen von wunderschönen älteren Frauen, die gezeigt werden, wie sie sind, nicht geglättet, geschönt, über-retuschiert. Real life and a tad of sex. Die Vernissage findet am 30. März um 19 Uhr statt, ich freu mich drauf und wünsche viel Vergnügen!
Worum geht es: “In meinen Fotografien möchte ich die Frau nicht als Objekt sondern als Subjekt auch ihrer Sexualität zeigen”. So die Fotografin, und das ist ihr offenbar gelungen.
“Woman in Heat”. Ausstellung von Benita Suchodrev
Vernissage 30.3.2012, 19 Uhr
Finissage Samstag, 21.4., 19:00 Uhr
Carpentier-Galerie, 30.3. bis 29.4.2012, Meinekestr. 13, 10719 Berlin
www.carpentier-galerie.de, www.womaninheat.comI
Update 02.04.2012: Inzwischen haben Ricarda Dämmrich und ich ich die hinreissende Vernissage gut überstanden, (Foto: Jan Sobottka, Fotostrecke mit 30 Bildern zur Eröffnung auf: www.catonbed.de)
und in der Rückschau hat sich mein sehr positiver Eindruck von den – hervorragend geprinteten -Bildern bestätigt: jenseits der üblichen Schönheitsretusche hat die Fotografin darauf bestanden, die Frauen in ihrer natürlichen Schönheit und in ihrem charakteristischen Aussehen zu belassen, bei den Farbaufnahmen gern auch unter Ergänzung farbintensiver Kleidungsstücke. So kommt eine sehr lebendige und vielfältige Sammlung an sehenswerten und erfrischend direkten Porträts jenseits der heutzutage allzu geglätteten Fotostandards zusammen. – Diese Direktheit und Unmittelbarkeit strahlt für mich auch ihr übriges Werk aus und ist für mich eine wirkliche Entdeckung.
Jim Rakete – Stand der Dinge
Die Film-Branche zelebriert sich (mal wieder) selbst. Hundert Porträts von sogar mehr als hundert Filmschaffenden, in den vergangenen Jahren von Jim Rakete fotografiert im Auftrag des Deutschen Filmmuseums, mit jeweils einem Gegenstand aus einem Lieblingsfilm: hier droht natürlich gleich die Gefahr, dass sich die Porträtierten hinter ihrer Rolle verstecken, hinter der Geschichte, die dieser Gegenstand erzählt, und wenig von sich preisgeben. Gezeigt werden uns vorrangig die Schauspieler, die Masken der Persönlichkeiten, die sie in den Filmen “geben”, weniger die Personen, die sie jenseits des Kinos sind – aber sind wir an denen überhaupt interessiert? Will das – zahlreiche – Publikum in der Ausstellung nicht wirklich nur die Leinwand- oder Fernsehstars nochmals sehen ohne besonderes Interesse für die Personen jenseits der Rolle? Nur in den wenigsten Aufnahmen konnte ich mich der Illusion hingeben, etwas über die abgelichteten Persönlichkeiten als solche zu erfahren. Aber ist so etwas überhaupt möglich, wenn man sie nicht persönlich erlebt, sondern nur in ihren Fernseh- oder Filmrollen? Fast wäre mir lieber gewesen, die Fotos wären ohne diese Gegenstände entstanden, die die Schauspieler immer wieder zurückbinden in ihren liebsten Job, der aber nur ein Job bleibt, und sie hätten sich als Charaktere von ihrem Beruf lösen können. Aber dem stand offenbar der Auftrag des Filmmuseums entgegen, das ja seine Gegenstände vermarkten will und damit eine gewisse Vordergründigkeit verlangt.
Insgesamt also ein recht schwieriges Projekt. Hinzu kommt, dass, wie es heißt, Rakete die Bilder digital und in Farbe zu fotografieren hatte, auch wieder, um den Gegenständen gerecht zu werden. Diese Art der Aufnahme und erforderlicher Nachbearbeitung führt in vielen Bildern zu merkwürdigen Effekten: so scharf sie meist sind, so erstaunlich mutet das außerordentlich starke “Film”-Korn an, das über einigen Bildern liegt, so unverständlich wirken zahlreiche Artefakte in etlichen Bildern, die womöglich der Nachschärfung, sicher aber der digitalen Nachbearbeitung geschuldet sind, so mangelhaft ist der digitale Tintenstrahldruck, wo in den Lichtern gar keine Farbe mehr den Weg aufs Papier gefunden hat, sodass dort direkt Löcher im Bild entstehen.
Nur wenige Motive überzeugen mich denn auch wirklich, gehen tiefer, sprechen wirklich an, die meisten bleiben Werbeaufnahmen für das Kino und das Deutsche Filmmuseum.
Gundula Schulze Eldowy
Die frühen Jahre – Ausstellung bei c/o Berlin 10.12.2011-26.02.2012
Verwandlungen und Den Letzten beißen die Hunde im Kunst-Raum und im Mauer-Mahnmal im Deutschen Bundestag 29.11.2011-26.02.2012
Was für ein Blick! Wie intensiv sie die Welt sieht! “Berlin hat mich zur Fotografin gemacht”, sagt sie – und sie hat Berlin zur Fotografie gemacht, speziell das Ostberliner Scheunenviertel und seine Bewohnerinnen und Bewohner in den 70er und 80er Jahren, zu ikonischen Bildern, die aus längst vergangener Zeit zu stammen scheinen, wehmütig machen, an einen Traum erinnern. Aber sie ist nicht so unschuldig an der Intensität ihrer Fotografien: sie sucht ‘starke’ Motive, sie will diese Art Bilder ‘haben’, sich aneignen, sie sind in gewisser Weise ihr Eigentum, ihr Kapital. Im Schlachthaus abgetrennte Köpfe von Rindern zu fotografieren oder die blutigen Geburten von Menschen läßt kaum eine andere als intensive Bildwirkung erwarten, zumal wenn das Material farbig ist. Und wenn sie in Berlin, Leipzig und Dresden verfallene Häuser fotografiert wie wenn Krieg wäre, ist die Tendenz deutlich – die Bildwirkung um fast jeden Preis steht im Vordergrund.
Die Situation in der DDR in den 70ern und 80ern, speziell im Berliner Scheunenviertel, in dem sie lebte, schien genauso auf der Stelle zu treten wie das eingemauerte Westberlin seinerzeit, jedoch schien Ostberlin eher dem Verfall preisgegeben, wie es ja in vielen Städten im Osten der Fall war. Dieser Verfall und seine oft pittoreske Bildwirkung, das hermetische Gesellschaftsklima, das merkwürdige menschliche Blüten wachsen ließ, die sie nur noch pflücken mußte, haben ihr jede Möglichkeit gegeben, in diesem Biotop aufregende Bilder zu gestalten. – Mit der “Wende” verschwand dieses Biotop sehr schnell und bot Gundula Schulze Eldowy keine Chance mehr, ihre Arbeit in der bisherigen Form fortzusetzen. Angestoßen durch die Einladung von Robert Frank in die USA ging sie seither in die weite Welt hinaus auf der Suche nach dem, was sie innerlich bewegt und in Bildern, Texten, Gesängen ausdrückt. Der Blick wendet sich nach innen, Spiritualität statt Realiät rückt in den Vordergrund: Bilder von Mumien faszinieren sie nun, Reproduktionen verblasster christlicher Mosaiken belegt sie mit Blattgold und -silber, verschwommene Toten-Bilder auf Grabstätten verschwinden fast unter Eins und Schnee. Tod und Vergänglichkeit, Auflösung, Untergang und das was bleibt sind seither – und wohl immer schon – ihre Themen.
Verrätselt – Ursula Kelms “Adressbuchprojekt”
Vergänglichkeit der Zeit – Ausstellung von Ursula Kelm
bei imago Fotokunst Berlin vom 7. Oktober bis zum 12. November 2011
Ursula Kelms Arbeit verfolge ich seit Jahren von Ferne, war sie mir doch vor langer Zeit kompetente Lehrererin in fotografischer Intensität. Ihre Thematik hat sich seither, soweit ich sehe, nicht geändert: es geht ihr um sich selbst, weniger als Selbstinszenierung denn als Selbstreflexion, Beschäftigung mit sich selbst, in diesem Fall: mit ihren Beziehungen zu anderen Menschen in ihrem Leben, zusammengehalten in einem Adressbuch. Ihr “Adressbuchprojekt” dient der Erinnerung an ihre/unsere im Laufe eines Lebens gewachsenen Beziehungen, und dieses Adressbuch bekommen wir gleich zweimal gezeigt: einmal als Original-Adressbüchlein, ein winziges Heftchen mit kaum ausreichend Raum für alle Kontakte, die sich ergeben, und einmal als Bild: offenbar ein umfangreicheres, im Format größeres Adressbuch, vier- oder fünfmal mit Tesafilm geflickt und zusammengehalten, vollgeschrieben mit Adressen, Namen, Notizen: beinahe ein Palimpsest, so intensiv wird es offenbar genutzt.
Das Adressbuch gibt den Rahmen der Ausstellung vor: den 26 Buchstaben des Alphabets entsprechen 26 fotografische Arbeiten, der zugehörige Katalog hat eine Auflage von 26 Stück.
Fast alle Arbeiten sind in Farbe, vieles erweist sich als montiert, die Präsentation ist auf der Höhe der Zeit, wenn man so will, und keineswegs zeitlos oder retrospektiv, was auch möglich gewesen wäre: ein Rückblick auf ihre großen fotografischen Stationen. Aber nein, es sind offenbar neue Arbeiten oder neue Bearbeitungen älterer Aufnahmen. Ihr Verfahren erschien mir zunächst naiv, dann überzeugend: in metaphorischen Bildern tauchen immer wieder Gesichter von alten Fotos auf, wie ein Aufblitzen aus der Dunkelheit. Proust beschreibt das auslösende Moment für Erinnerungen einmal als den Geschmack eines Madeleine, eingetunkt in eine Tasse Tee – bei Ursula Kelm scheint die Erinnerung im Betrachten von Bildern zurückzukehren. Alle Kompositionen sind nachgerade poetisch, chiffriert, verweisen auf nicht nachvollziehbare Gedanken/Erlebnisse, geben dabei sehr intensive Stimmungen wieder. - In aller Poesie und Verrätselung bleiben zwei Bilder jedoch völlig klar: sie zeigen jeweils dieselbe Person, eine Frau einmal mittleren Alters, sie trägt ein rotes T-Shirt mit dem Aufdruck “Berlin”, einmal ist sie in höherem Alter in Schwarzweiß zu sehen, jeweils mit einem sehr direkten Blick in die Kamera – die Vermutung liegt für mich nahe, dass es sich um die Mutter handelt, die so klar heraussticht. Es stellt sich die Frage: Wer ist wirklich wichtig, das Adressbuch, die Leute die da drin stehen oder die gerade nicht enthalten sind wie etwa ihre Mutter, aber auch die vielen, die sie (noch) nicht getroffen hat.
Ursula Kelm blättert einen beeindruckenden Erfahrungsschatz auf. Wir wissen, dass allein die Zeit unvergänglich ist, alles andere vergeht. Insofern kann der Titel der Ausstellung nur meinen “Vergänglichkeit unserer Zeit” oder “Vergänglichkeit meiner Zeit”, und in diesem Sinn ist die Ausstellung ein erstes Resumee, dem möglichst noch viele im Leben und Werk der Ursula Kelm folgen mögen.
ISIZ – Ausstellung light
Vor rund einem Jahr wurde mit großem Aufgebot und viel Tamtam die Doppelausstellung des französischen Fotografen IZIS als “Highlight” des 4. Europäischen Monats der Fotografie” im Willy-Brandt-Haus und im Institut Francais in Berlin eröffnet. Diese Ausstellung war in meinen Augen typisch für den heutigen Umgang mit Fotografie:
Ohne Zweifel handelt es sich bei ISIZ um einen sehr großen fotografischen Meister mit hervorragend stimmigen Kompositionen und eindrucksvollen Bildern. Allerdings hat dieses Ausstellungsprojekt mit ca. 300 Arbeiten einige aufschlußreiche Beiklänge: offenbar arbeiten die Ausstellungsmacher am klassischen Kunstmarkt vorbei – nicht umsonst sind es zwei eher politische Institutionen, die den Fotografen präsentieren. und keine Fotogalerien, und dazu hat man sich auf das Attribut “humanistisch” geeignet, unter dem ISIZ verkauft werden soll, also ein primär politisch-ideologisches Etikett. In einigen Reden klang denn auch eher der Nutzen der Ausstellung für die deutsch-französische Freundschaft an, als dass auf die beieindruckende künstlerische Leistung von IZIS näher eingegangen wurde.
Enttäuschend war dann auch die gesamte Ausstellung (soweit es das Willy-Brandt-Haus betrifft, im Institut Francais war ich nicht) – einfach weil keinerlei (oder sehr sehr wenige, wenn überhaupt) Originale zu sehen waren, sondern durchweg nur durchschnittliche digitale Reprints von heute – da wurde der komplette künstlerische Anteil des Fotografen in der Ausarbeitung, seine spezifische Art, Prints herzustellen, ihr “Zeitmarker”, nivelliert in ein immergleiches Erscheinungsbild der Fotos, wie man sie eben heute “perfekt” printen würde. Gerade die spezifische Atmosphäre, die Aura seiner Originale wird uns verweigert.
Auf Rückfrage am Verkaufstisch wurde bestätigt, es sei “eine Mischung” aus Originalen und Reprints, allerdings mußte man die Originale suchen.
Das Projekt zeigt sich insgesamt als querstehend zur Präsentation von Fotografien in Originalen – hier geht es nur um die Vermarktung der Motive und des “Humanismus”, dem ISIZ untergeordnet wird – Postkarten, Poster, Bücher sind das Hauptgeschäft. Die digitale Reproduzierbarkeit frißt die Fotografie – der Zugang zum analogen Original wird immer schwieriger, es zieht sich in den – elitären – Kunstmarkt und die Portfolios privater Sammler zurück.
Zur Mapplethorpe-Ausstellung bei c/o Berlin 2011
Nach der für mich eher enttäuschenden Lindbergh-Ausstellung im ehemaligen Postfuhramt in der Oranienburger Straße bin ich von der Präsentation der Arbeiten von Robert Mapplethorpe uneingeschränkt begeistert: zunächst einmal hängen hier offenkundig Originale und keine Digitaldrucke. Wir sehen also die von Mapplethorpe oder in seinem Auftrag geprinteten Original-Barytbilder, finden direkten Zugang zu seinen ureigensten fotografischen, künstlerischen Intentionen und Visionen. Und die sind – bei aller bekannten Drastik einiger gezeigter Motive – äußerst subtil und differenziert. Nichts wirkt plakativ, ge- oder erzwungen (na gut, ein zwei Kinderporträts sehen aus wie kitschige Auftragsarbeiten für reiche Eltern), alles legt sich in feinsten Tonwerten und klarster Formensprache auseinander. Und insbesondere die Klarheit im Bildaufbau ist immer wieder faszinierend und ästhetisch befriedigend. (weiterlesen …)
“On Street” – Ausstellung Peter Lindbergh und “Photographs” von Fred Herzog
Wird Peter Lindbergh überschätzt? Oder ist er der herausragende Fotokünstler der Gegenwart?
Seine Ausstellung bei c/o Berlin hat mich nicht überzeugt – unendlich große Inkjet-Prints (also digital aufbereitet, egalisiert und dann gedruckt) auf einem “Baryt”-Papier, voller grauer körniger Soße, jedoch mit wenig Inhalt, laden kaum ein, sie genauer anzuschauen. Und gar das Thema “On Street” in einer großen Ausstellungshalle 25 Mal zu variieren, indem immer irgendein Model in irgendeinem modischen Aufzug durch die Straßen von New York geht oder rennt oder darin neben anderen Passanten herumsteht, ist sowas von langweilig! Zum Glück hat sich Klaus Honnef der Ausstellung erbarmt und neben weniger bekannten Aufnahmen einige der “Bildikonen” Lindberghs, denn diese gibt es ja wirklich, als zusätzlichen Beitrag angefordert, die (nochmals) zu sehen, Freude machen: bewegende intensive Porträts und fast grafische Inszenierungen seiner Models. (weiterlesen …)








