Street Photography

Street Photography geht doch!

In der Street Photography engagierte Fotografen verfolgen seit Jahren den Fall Espen Eichhöfer, der Ärger mit einer Street Photography bekommen hat, weil die abgebildete Person sich darauf erkannte und Einspruch gegen die Veröffentlichung des Bildes erhob und das Gericht ihr zustimmte. Wer mag, kann dies sehr detailliert z. B. bei c/o Berlin nachlesen. Es hatte sich die bedrohliche Konsequenz abgezeichnet, dass Street Photography als Kunstform nunmehr gar nicht mehr möglich sei, da keinerlei Abbildung von Personen ohne deren Zustimmung erlaubt schien. Espen Eichhöfer hat sich dann entschlossen, die Angelegenheit bis vor das Bundesverfassungsgericht zu bringen, das die Annahme der Beschwerde zwar verweigert, aber immerhin auch begründet hat. Und diese Begründung gibt Anhängern der Street Photography und, wie ich meine, auch Videokünstlern mit entsprechenden Ambitionen, Anlass zur (gedämpften) Freude. Die genaue Begründung und die Einschätzung des Anwalts von Espen Eichhöfer findet sich hier. 

Ich zitiere die wichtigsten Passagen aus der Einschätzung des Anwalts, wie dort veröffentlicht:

 “Trotzdem [trotz der Weigerung, den Fall zu verhandeln, HW] ist Gutes mit diesem Beschluss erreicht worden. Denn der Beschluss enthält einige Ausführungen, welche die rechtliche Situation der Straßenfotografie in Deutschland stärken.

So hat das Bundesverfassungsgericht z.B. festgestellt, dass es sich bei dem streitgegenständlichen Foto um ein Kunstwerk handelt. Damit ist höchstrichterlich festgestellt worden, dass bei solchen Fotografien nicht nur das Anfertigen, sondern auch deren Ausstellung von dem Schutzbereich der grundgesetzlichen Kunstfreiheit erfasst ist. Hierauf können sich Straßenfotografen nun bei vergleichbaren Fällen berufen. Das konnte sie zwar auch vorher, nun liegt aber eine Bestätigung des Bundesverfassungsgerichts dafür vor.

Das Bundesverfassungsgericht erkennt die Straßenfotografie grundsätzlich als eine Kunstform an. Zudem stellt es fest, dass für diese Kunstform die ungestellte Abbildungen von Personen ohne deren vorherige Einwilligung „strukturtypisch“ sei. Dieser „Eigengesetzlichkeit der Straßenfotografie“ habe die Rechtsprechung gerecht zu werden. Das aber habe das Kammergericht getan, da es die „Art der Präsentation“ des Fotos von Espen zum „zentralen Punkt“ seiner Argumentation gemacht habe. Hierdurch bringt das Bundesverfassungsgericht zum Ausdruck, dass nicht das Foto selbst und auch nicht die fehlende Einwilligung der Abgebildeten die Persönlichkeitsrechtsverletzung begründet haben, sondern die Art und Weise der Ausstellung. Der entscheidende Satz in dem beigefügten Beschluss heißt:

„Indem es die Schwere der Beeinträchtigung des Persönlichkeitsrechts der Klägerin aus der Art der Präsentation des Bildes als großformatigen Blickfang an einer öffentlichen Straße herleitet, hat das Kammergericht nicht verkannt, dass es mit der Kunstfreiheit nicht vereinbar wäre, ihren Wirkbereich von vornherein auf Galerien, Museen oder ähnlich räumlich begrenzte Ausstellungsorte zu begrenzen, sondern hat die besondere Persönlichkeitsverletzung der Klägerin durch die hervorgehobene Präsentation auf einer großformatigen Stelltafel an einer der verkehrsreichen Straße einer Millionenstadt zum zentralen Punkt seiner Abwägung gemacht. Damit hat das Kammergericht die ungestellte Abbildung von Personen ohne vorherige Einwilligung, welche strukturtypisch für die von Straßenfotografie ist (…), nicht generell unmöglich gemacht.“

Weitere Auszüge aus dem Beschluss des Verfassungsgerichts: 

“Die Kunstfreiheit ist in Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG zwar vorbehaltlos, aber nicht schrankenlos gewährleistet. Die Schranken ergeben sich insbesondere aus den Grundrechten anderer Rechtsträger, aber auch aus sonstigen Rechtsgütern mit Verfassungsrang (BVerfGE 142, 74 <101 f. Rn. 84> m.w.N.; stRspr).

Es ist natürlich unsinnig, eine ‘Persönlichkeitsverletzung’ nicht vom Inhalt des Bildes, sondern von seiner Präsentationsgröße abhängig zu machen, also ob z. B. bis 1,49 m Größe es noch in Ordnung wäre, ab 1,50 cm nicht mehr. Aber es wurde eben immerhin festgestellt, dass Street Photography eine Kunstform ist und dass dazu gehört, dass Menschen ohne ihre Zustimmung fotografiert werden, sofern dies nicht in herabwürdigender Weise geschieht. Geringfügige Beeinträchtigungen des Persönlichkeitsrechts sind allemal zu dulden. Das sollte uns Fotografen wieder Mut machen, mit der Kamera in den Alltag, auf die Straße zu gehen und dort zu fotografieren, was das Zeug hält!

Kate Moss – Carrara – Hollywood – Vivian Maier

Dieser Monat (Februar 2015) bot in Berlin einige interessante Fotoausstellungen:

1. Kate Moss: The Icon in der kleinen feinen Galerie Hiltawsky in der Tucholksystraße. Die Ausstellung ist leider schon beendet. Gezeigt wurde eine Sammlung wohl meist aus analoger Zeit stammender und auch analog geprinteter früher Bilder mit diesem fantastischen zeitlosen Model, meist Schwarzweiss und von unterschiedlichsten Fotografinnen und Fotografen. Kate Moss – eine wahre Ikone der letzten Jahrzehnte, und offenbar ein Leben, fotografiert zu werden.

2. Vivian Maier. Street Photographer. Mit dieser Ausstellung, organisiert vom Freundeskreis des Willy-Brandt-Hauses e. V. und auch dort gezeigt, hat der Hype um diese fotografische posthume Neuentdeckung auch Berlin erreicht. Wie skeptisch man auch immer sein mag angesichts der „Verwertung“ des Nachlasses dieser uns noch so unbekannten Frau: ihr hier präsentiertes Werk, vornehmlich Straßenfotografie, aber auch einige ihrer Super-8-Filme, überzeugt in jeder Hinsicht. Die Prints (nach Auskunft des Freundeskreises analoge Barytprints) sind von hervorragender technischer Qualität und präsentieren ihren fotografischen Blick auf bestem Niveau. Und dieser Blick ist faszinierend: so stellt man sich Street Photography vor, und so hat sie sie umgesetzt: präsent, nah dran, mit absolut sicherem Gefühl für Komposition und den „richtigen“ Moment, eindringlich und ausdauernd über Jahrzehnte hinweg. Eine sehr sehenswerte Ausstellung! Allerdings hätte ich mir gewünscht, auch einige Original-Prints von ihr selbst zu sehen, sie hatte sich ja wohl in ihrem Badezimmer zeitweilig eine Dunkelkammer eingerichtet. So bleibt ein ganz direkter Zugang zu ihrer ganz persönlichen Arbeit am Bild angesichts der eher gewinnorientierten Bildauswahl durch die ihr Werk verwertende Agentur Dichroma-Photography leider versperrt: Vivian Maier wird zu einer Kunstfigur stilisiert, die sie vielleicht nie war und vor allem vielleicht nie sein wollte.

3. Jörn Vanhöfen – Loop Diese Ausstellung war eine wirkliche Überraschung für mich: Grandiose große und beeindruckende Landschaftsfotografien aus der Konfliktzone menschlicher Hybris und der letztlichen Überlegenheit des Planeten zeigen die zu erwartende oder bereits stattfindende Rückkehr der menschlichen Artefakte zu bloßer Natur. „Nicht nur der Mensch, auch das Menschengemachte zerfällt wieder zu Staub“, heisst es im Beiblatt. Abgesehen von dieser „message“ bieten die großformatigen und äußerst detailgenauen Aufnahmen eine wahre Augenweide, um kleinste Einzelheiten in der Landschaft oder auch die große Übersicht zu betrachten.

4. Martin Schoeller · »Portraits« Von dieser noch bis Ende Februar zu sehenden Präsentation war ich einigermaßen enttäuscht: gehängt sind vorwiegend schrill-bunte ultrascharfe glamouröse Bilder von Hollywood-Angestellten (Film- und sonstige Stars ohne Ende), mit Gewalt auf Krawall gebürstet – irgendwie möglichst schräg inszeniert (Céline Dion balanciert auf einem überdimensionalen „David“ in Las Vegas, diversen Männern wird auf dilettantische Weise irgendein Makeup ins Gesicht geschmiert), um eines kurzatmigen spektakulären Effekts willen. Daneben leider nur wenige einfühlsame ruhigere Aufnahmen, meist in Schwarzweiss. Für die Hollywood People mag so eine Art der „Porträtfotografie“ angemessen sein, denn ihr Beruf ist ja die Show – aber besonders tiefsinnig ist diese Effekthascherei nicht, und wenn Schoeller in dieser Manier weitermachen will, wird er sich noch absurdere und abwegigere Inszenierungen einfallen lassen müssen.