Martin-Gropius-Bau

Walker Evans und alte Farbfotografie

August 2014 – neben der völlig überlaufenen David Bowie-Ausstellung mit endlosen Schlangen und Wartezeiten gibt es im Martin-Gropius-Bau in Berlin aktuell zwei weitere ganz unterschiedliche sehr interessante Ausstellungen zu sehen:

einmal den großen Fotografen Walker Evans mit der Präsentation “Ein Lebenswerk”, zum anderen die Ausstellung “Die Welt um 1914. Farbfotografie vor dem grossen Krieg”.

Beide Titel sind einigermaßen irreführend und reisserisch: mitnichten wird etwa das Lebenswerk von Walker Evans gezeigt, sondern lediglich die Evans-“Collection of Clark and Joan Worswick”, eine Sammlung von über 200 Evans-Originalen aus all seinen Schaffensperioden, allerdings auch mit eher weniger bekannten Motiven – es fehlen viele seiner Bildikonen besonders aus seiner Tätigkeit für die FSA während der Großen Depression in den USA, und etliche gezeigte Motive lassen die sonst bei ihm waltende Präzision der Bildgestaltung durchaus vermissen. Insofern ist dies keine wirklich große Retrospektive, kein Überblick über das Lebenswerk dieses großartigen Fotografen, wie es der Titel vermuten liesse, sondern lediglich der Versuch, eine begrenzte private Sammlung mit einem überzogenen Titel auf ihre Vermarktungstour durch die Museen der Welt zu schicken. Continue reading

Michael Schmidts “Lebensmittel”

“Michael Schmidt, 1945 in Berlin geboren, zählt zu den wichtigsten Fotografen der Gegenwart.” So lautet der erste Satz des Ausstellungsflyers. Michael Schmidt genießt immer noch und seit einigen Jahrzehnten, seit seiner “Werkstatt für Fotografie” in Berlin-Kreuzberg, den Status eines sakrosankten Foto-Künstlers, was ich noch nie richtig verstanden habe und teilen konnte und auch nach dem Besuch dieser Ausstellung nicht. Vielleicht liegt das daran, dass es mir seinerzeit nicht gelungen ist, von ihm persönlich unterrichtet zu werden. Allerdings bin ich skeptisch, ob eine persönliche Vermittlung geholfen hätte: im Interview mit radioeins – leider nicht mehr online – zur Ausstellungseröffnung im Martin-Gropius-Bau in Berlin, einer, wie ich bisher dachte, angesehenen Adresse für Kunst, gab er ganz und gar den verstockten Künstler, der sein “Werk” für sich sprechen lassen will. Wozu dann überhaupt ein Interview? Zu dieser Verweigerungshaltung passt auch, dass die Bilder keine Titel haben. Eine solche Einstellung scheint mir in Zeiten weitestgehender Referentialität von Kunst die eines Fossils aus vergangenen Zeiten zu sein, für das es nur die ewige Wiederholung des einmal für richtig Befundenen gibt, keine Entwicklung oder Revision alter Positionen, wie wenn sich in den letzten Jahrzehnten nichts verändert hätte, was eine Neujustierung erforderlich machen könnte. Continue reading