Dokumentation

Antifotografische Hysterie – Ein Erlebnisbericht

Gestern besuchte ich anlässlich ihrer Ateliereröffnung eine freundschaftlich verbundene Künstlerin in ihren neuen Räumen und hatte meine – etwas größere – Videokamera dabei. Meiner Bitte, einige Aufnahmen vom Ambiente machen zu dürfen, entsprach sie gern. Anders einige der anwesenden Gäste: es kamen Kommentare wie “das werden jetzt wohl die Aufnahmen fürs Fernsehen”, aber auch böse Stimmen wie “Aufnahmen sind hier verboten”, “dies ist eine Privatveranstaltung” – und das, obwohl ich die Gastgeberin zuvor um Erlaubnis gefragt hatte. Sie selbst war auch sehr erstaunt über die “Empfindlichkeit und Ängstlichkeit” ihrer Gäste. Andererseits zückten einige andere Besucher ihr Handy, um Bilder zu machen, und das störte offenkundig niemanden.

In der S-Bahn auf dem Heimweg habe ich dann einige Aufnahmen angesehen, als eine Mutter mit ihrer etwa achtjähriger Tochter einstieg. Offenkundig deutete das Kameraobjektiv – mit Deckel geschlossen – in diesem Moment in Richtung Tochter, die dann ihrer Mutter erzählte, ich hätte sie gefilmt. Diese Mutter protestierte gleich gegen mein vermeintliches Verbrechen und – nachdem ich ihr möglichst glaubhaft versichert hatte, dass ich ihre Tochter keineswegs gefilmt hätte – diskutierte dann lauthals mit dem halben Abteil, wer denn nun spinne, sie, die Tochter oder ich. 

Offenbar wird professionelle Fotografie oder Videografie heute fast sofort als Verbrechen angesehen, sobald man dies in der Öffentlichkeit betreibt, obwohl fast jeder sein Smartphone in der Hand hält und fast alles so gut wie unbemerkt fotografieren oder filmen könnte – von der Omnipräsenz der Videoüberwachung im öffentlichen Raum ganz abgesehen. Absurde Welt.