Salgados Genesis – ein ästhetischer Overkill

Eine Riesen-Ausstellung, fantastische Bilder, großartige Motive, schönste Schwarzweiss-Abstufungen und Kontraste, stimmige Kompositionen – und dennoch: Sebastião Salgados letztes bzw. jüngstes Projekt, die Rückkehr zur „Genesis“, zu dem in dieser Welt, wo vermeintlich alles begann, ist in seiner fotografischen Ausbeute leider auch nichts anderes als die – fotografische – Ausbeutung genau dieser Welt, für deren Erhalt der Fotograf sich so vehement einsetzt (z. B. in seinen Aufforstungsaktivitäten im südamerikanischen Regenwald): denn schon die Fotografen des amerikanischen Westens Mitte des 19. Jahrhunderts öffneten mit ihren Landschaftsaufnahmen diese bislang un-ausgebeuteten Räume der bekanntlich grenzenlosen Fantasie von Investoren und Glücksrittern, die sich angesichts des so sichtbar gewordenen vermeintlich freien Landes rasche Gewinne versprachen und sie auch mit zum Teil brutalsten Methoden realisierten, indem sie es eben gnadenlos ausbeuteten und die Ureinwohner vernichteten.

Und längst sind auch die vermeintlichen letzten ‚Paradiese‘ Salgados Gegenstand geopolitischer oder kommerzieller Interessen, ob es um die Nutzung des Holzes im Amazonas-Gebiet oder um Erdöl-Vorkommen in den Süd- oder Nordregionen der Welt geht. Was ihm bleibt, ist ein hoffnungslos „romantischer“ Blick auf diese letzten „Natur“ gebliebenen Ecken der Welt. Wobei Salgado als Natur immer schon nur die „schöne“ Natur gelten lässt, die Natur, die sich nahtlos in eine Welt-Sicht einfügt, deren Hauptkriterien Bilddiagonale, Goldener Schnitt, optimale Schwarzweisswerte, Gegensatz Bildpunkte/Fläche zu sein scheinen: jedes Bild nach dem klassischen fotografischen Regelwerk perfekt aufgebaut und dann und damit erst zeigenswert, anmutige, aber gleichzeitg fotografisch recht un-mutige Bilder. Dem ganzen Werk liegt dieses Schönheitsverständnis zugrunde, das sogar so weit geht, über einzelne Tierarten ästhetische Urteile zu fällen, dass eben die eine von mehreren Berggorilla-Arten die „schönste“ sei und genau deshalb in ihrem Lebensraum aufgesucht, fotografiert und in der Ausstellung gezeigt wird: wie aber kommen wir dazu, wenn es uns angeblich um den Erhalt der gesamten Natur geht, die eine Art Berggorilla für „schöner“ und damit wertiger zu nehmen als die andere? Vielleicht gefallen uns manche anderen Tierarten wie z. B. Spinnen auch nicht, und die nehmen wir dann auch heraus aus der Gruppe derer, die ‚bleiben‘ sollten? Und das eine indigene Volk überzeugt uns vielleicht ästhetisch mehr als ein anderes und wird geschützt, das andere nicht? Ist dies nicht genau die anthropozentrische imperiale Sichtweise, die gleichzeitig die Wurzel allen Übels ist?

Diese Perspektive schlägt auch naiv durch in der Darstellung der Menschen, denen Salgado begegnet, als Schöne Wilde, wie dies gängiger Topos in der Geschichte der Fotografie ist. Da zeigt er gern mal ein paar Aktfotos mehr der im europäisch-abendländischen Verständnis schönen jungen Frauen mit perfekt geformten straffen Brüsten der noch (fast) ‚unberührten‘ Indianerstämme, da finden wir vermeintliche Skurrilitäten wie Lippenringe oder Körper-Bemalungen oder Körper-Vernarbungen oder die fotografisch beliebten Penisfutterale. Riefenstahls Ausflug zu den Nuba ist hier nicht weit. All das geht über eine touristische Sichtweise kaum hinaus und erscheint mir zudem ziemlich respektlos gegenüber den Abgelichteten: werden sie je erfahren, dass ihre Bilder in Salgados Ausstellung hängen, in seinen Büchern gedruckt sind und von Hunderttausenden gesehen werden? Sind sie damit überhaupt einverstanden?

Der dänische Kamerahersteller Phase One veranstaltet für seine wohlhabende Kundschaft regelmäßig exklusive Foto-Workshops an ausgewählten Locations überall auf der Welt. Da werden die Teilnehmer mit Helikopter in irgendwelche sonst völlig unzugänglichen Gletscherregionen geflogen, um dort, in „unberührter“ Natur, ihre unvergesslichen Aufnahmen zu machen. Demnächst könnte eine Reihe dieser Workshops heissen „Fotografieren wie Salgado. Wir bringen Sie zu seinen Original-Locations“. Dann entstünden dort reihenweise Bilder, wie Salgado sie gemacht hat, und gewonnen wäre damit nichts.

Sebastião Salgado: Genesis. Ausstellung im c/o Berlin

 

 

Fotoexkursion Bundesgartenschau 2015

Neuer Sommerkurs! Wir erkunden die BUGA 2015 gemeinsam.

Die Bundesgartenschau 2015 in der Havelregion bietet mit ihrer Erstreckung auf fünf Städte und unterschiedlichste Parks und Landschaftsanlagen sehr vielfältige Erlebnis- und Erfahrungswelten. In diesem Kurs wollen wir unterschiedliche Aspekte des Gesamtereignisses BUGA fotografisch festhalten. Nach einer ausführlichen Einführung in die ästhetischen und technischen Anforderungen der verschiedenen Motivbereiche wie Landschafts-, aber auch Makro- und Reportage-Fotografie sowie gemeinsamer Planung des Reiseablaufs am ersten Kursabend erkunden wir an unserem Reisetag die BUGA-Erlebniswelten in zwei bis drei der fünf BUGA-Städte. Hierbei erhalten Sie konkrete Anregungen und Anleitungen zur fotografischen Darstellung der erlebten Landschaften und Perspektiven im Bild. Am abschließenden Auswertungsabend diskutieren und genießen wir gemeinsam die angefertigten Bilder. Der Kurs ist für Fotografinnen und Fotografen mit digitaler oder analoger Kamera geeignet. 2 Kurstermine und ein Fotoausflug. Bitte die eigene Kamera mitbringen! Es entstehen Zusatzkosten für Fahrscheine und Eintrittsgelder.

Einführung: Mo, 28.09.2015, 18:00 – 21:00, Exkursion Sa, 03.10.2015, 09:00 – 19:00, Nachbesprechung Mo, 12.10.2015, 18:00 – 21:00

Eine Veranstaltung der VHS Spandau, mehr Details und Anmeldung unter Fotoexkursion BUGA 2015

Neues Ebook Einführung in die Porträtfotografie

Horst Werner - Einführung in die Porträtfotografie
Horst Werner – Einführung in die Porträtfotografie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pünktlich zum Start meines großen Porträt- und Aktkurses in diesem Frühjahr am Photocentrum Wassertorstraße in Berlin ist mein neues Ebook fertig geworden: „Einführung in die Porträtfotografie“ mit Ausführungen zu allem, was man braucht, um interessante Porträts zu fotografieren. Es ist ab sofort hier erhältlich:
http://www.amazon.de/gp/product/B00WTHPOUS?*Version*=1&*entries*=0

Oder kostenlos ausleihbar über amazon prime:

 

Ebook Pink in Berlin

Mein neues Ebook aus der Reihe Nude Art Beauty ist ab sofort bei amazon kindle im Angebot!
Oder Sie nutzen die kostenlose Ausleihe über amazon prime:


Es enthält Aufnahmen der bezaubernden Miele aus Italien in 3 Kapiteln: Nackt oder halbnackt auf der Straße und im Viktoriapark Berlin-Kreuzberg, auf meinem Balkon und, wie alle Bilder bei vorhandenem Licht fotografiert, einige Indoor-Aufnahmen im Porträt-Stil. Fine Art Prints der hochauflösenden Fotografien sind auf Anfrage erhältlich.

 

Kate Moss – Carrara – Hollywood – Vivian Maier

Dieser Monat (Februar 2015) bot in Berlin einige interessante Fotoausstellungen:

1. Kate Moss: The Icon in der kleinen feinen Galerie Hiltawsky in der Tucholksystraße. Die Ausstellung ist leider schon beendet. Gezeigt wurde eine Sammlung wohl meist aus analoger Zeit stammender und auch analog geprinteter früher Bilder mit diesem fantastischen zeitlosen Model, meist Schwarzweiss und von unterschiedlichsten Fotografinnen und Fotografen. Kate Moss – eine wahre Ikone der letzten Jahrzehnte, und offenbar ein Leben, fotografiert zu werden.

2. Vivian Maier. Street Photographer. Mit dieser Ausstellung, organisiert vom Freundeskreis des Willy-Brandt-Hauses e. V. und auch dort gezeigt, hat der Hype um diese fotografische posthume Neuentdeckung auch Berlin erreicht. Wie skeptisch man auch immer sein mag angesichts der „Verwertung“ des Nachlasses dieser uns noch so unbekannten Frau: ihr hier präsentiertes Werk, vornehmlich Straßenfotografie, aber auch einige ihrer Super-8-Filme, überzeugt in jeder Hinsicht. Die Prints (nach Auskunft des Freundeskreises analoge Barytprints) sind von hervorragender technischer Qualität und präsentieren ihren fotografischen Blick auf bestem Niveau. Und dieser Blick ist faszinierend: so stellt man sich Street Photography vor, und so hat sie sie umgesetzt: präsent, nah dran, mit absolut sicherem Gefühl für Komposition und den „richtigen“ Moment, eindringlich und ausdauernd über Jahrzehnte hinweg. Eine sehr sehenswerte Ausstellung! Allerdings hätte ich mir gewünscht, auch einige Original-Prints von ihr selbst zu sehen, sie hatte sich ja wohl in ihrem Badezimmer zeitweilig eine Dunkelkammer eingerichtet. So bleibt ein ganz direkter Zugang zu ihrer ganz persönlichen Arbeit am Bild angesichts der eher gewinnorientierten Bildauswahl durch die ihr Werk verwertende Agentur Dichroma-Photography leider versperrt: Vivian Maier wird zu einer Kunstfigur stilisiert, die sie vielleicht nie war und vor allem vielleicht nie sein wollte.

3. Jörn Vanhöfen – Loop Diese Ausstellung war eine wirkliche Überraschung für mich: Grandiose große und beeindruckende Landschaftsfotografien aus der Konfliktzone menschlicher Hybris und der letztlichen Überlegenheit des Planeten zeigen die zu erwartende oder bereits stattfindende Rückkehr der menschlichen Artefakte zu bloßer Natur. „Nicht nur der Mensch, auch das Menschengemachte zerfällt wieder zu Staub“, heisst es Beiblatt. Abgesehen von dieser „message“ bieten die großformatigen und äußerst detailgenauen Aufnahmen eine wahre Augenweide, um kleinste Einzelheiten in der Landschaft oder auch die große Übersicht zu betrachten.

4. Martin Schoeller · »Portraits« Von dieser noch bis Ende Februar zu sehenden Präsentation war ich einigermaßen enttäuscht: gehängt sind vorwiegend schrill-bunte ultrascharfe glamouröse Bilder von Hollywood-Angestellten (Film- und sonstige Stars ohne Ende), mit Gewalt auf Krawall gebürstet – irgendwie möglichst schräg inszeniert (Céline Dion balanciert auf einem überdimensionalen „David“ in Las Vegas, diversen Männern wird auf dilettantische Weise irgendein Makeup ins Gesicht geschmiert), um eines kurzatmigen spektakulären Effekts willen. Daneben leider nur wenige einfühlsame ruhigere Aufnahmen, meist in Schwarzweiss. Für die Hollywood People mag so eine Art der „Porträtfotografie“ angemessen sein, denn ihr Beruf ist ja die Show – aber besonders tiefsinnig ist diese Effekthascherei nicht, und wenn Schoeller in dieser Manier weitermachen will, wird er sich noch absurdere und abwegigere Inszenierungen einfallen lassen müssen.

 

Berlin Street Art

Berlin ist ja bekanntlich ein sehr kreatives Pflaster, und in dieser Stadt wird buchstäblich aus jedem Scheiss Kunst gemacht. Hier der Beweis:

Shit Or Gold My Country
Shit Or Gold My Country

Wie soll ich das Bild nun nennen? „Kack the US“ (als Antwort auf den Ausspruch von Victoria Nuland „Fuck the EU“)? Oder „Shit Spangled Banner“?

Viel Spass beim Weiterfantasieren!

Der antifotografische Impetus der modernen Kunst


In der kalten Jahreszeit verlagere ich meine Fotoausflüge, also meine fotografischen Beutezüge, gern in Museen, dort ist es es warm, und sie versprechen reichlich Material, das ich in Form von Bildern mitnehmen kann. Dies funktioniert sehr gut in Häusern wie der Alten Nationalgalerie, dem Neuen Museum, dem Bode-Museum oder dem Alten Museum in Berlin, die alle Kunstwerke im klassischen Sinn beherbergen, d. h. durchaus den Anspruch erheben, „etwas“ zeigen zu wollen. Hier einige meiner Lieblings-Objekte (Achtung: ich nehme mir die Freiheit, die Bilder so zu bearbeiten, wie sie mir gefallen. Die Wiedergabe ist alles andere als authentisch, es handelt sich nicht um Reproduktionen des Ist-Zustands, sondern um meine Interpretation der Bilder und Skulpturen.) Continue reading